Käse, Alp und Aliens

giger_homepageDas mittelalterliche Gruyères (Greyerz) ist eine Stadt wie aus einem Schweizer Märchen – und wie bei jedem guten Märchen kann man sich auch hier ordentlich gruseln.

Die Autos müssen draußen bleiben, am Fuß des Bergs. Die meisten Besucher kommen ohnehin mit dem Zug. Die Strecke, die sich am Genfer See entlangschlängelt, quer durch die Weinberge des Lavaux und schließlich hoch in die Alpen, gehört zu den schönsten der Schweiz. Doch die letzten paar hundert Meter läuft jeder zu Fuß, den Abhang hoch, auf dessen Spitze das Chateau de Gruyères und die dazugehörige mittelalterliche Stadt thront. Um 1270 wurde das Schloss der Grafen von Greyerz errichtet. Seitdem hat sich auf den ersten Blick nicht viel verändert: schiefe, historische Häuschen stehen um den gepflasterten Marktplatz herum, in der Mitte der Dorfbrunnen und dahinter die winzige Kirche. Es ist ein Dorf, in dem Märchen Wirklichkeit werden könnten. In der Umgebung heißen die Berge „Dent“, Zahn, weil sie sich wie die schiefen Zähne eines riesigen Ungetüms schroff, nackt und grau aus dem grünen Hügelland erheben. Und so sollte es nicht verwundern, dass inmitten des Heidi-Idylls ein Grauen auf die Besucher wartet, wie man es sich in den schlimmsten Alpträumen nicht ausmalen mag.

Doch zunächst einmal lockt die märchenhafte Schweiz mit all ihren Verlockungen. Man könnte den ganzen Tag essen: Lammkeule mit heimischen Büschelibirnen und Cuchaule, das safrangefärbte Briochebrot, zu dem der heimische Käse und der süß-saure Bénichonsenf gereicht werden. Zum Nachtisch locken aus feinem Biskuitteig gerollte Bricelets, Meringues oder schlicht und doch üppig Blaubeeren mit dem in der ganzen Schweiz berühmten Greyerzer Doppelrahm. Nur ein kleiner Ausschnitt der regionalen Spezialitäten, die in den zünftigen Schänken von Gruyères serviert werden. Vom Wein aus den Bergen, die das mittelalterliche Städtchen umgeben, ganz zu schweigen. Wie man gut lebt, das wussten die Bauern in diesem Teil der Schweiz, den Voralpen des Freiburger Kantons, immer schon. Der Name Gruyères rührt vom französischen „la grue“, dem Kranich, her. Stolz prangt das Wappentier weiß auf rotem Grund auf Gebäuden und Fahnen.

Die Milch von den hiesigen Kühen gilt als besonders fett und reichhaltig. Kein Wunder, dass der Greyerzer Hartkäse inzwischen fast berühmter ist als die Stadt – selbst im Käseland Frankreich, wo man den würzigen hellgelben Gruyère für den eigentlichen Schweizer Käse hält, auch wenn er keine Löcher hat. Bis zurück ins 10. Jahrhundert ist der Greyerzer Käse urkundlich nachgewiesen. Wie Wein, so trägt auch der Greyerzer Käse das Siegel einer ‚kontrollierten Herkunftsbezeichnung‘: was ihn so besonders macht, das führen Käsemeister täglich im Maison de Gruyère vor. Zweimal am Tag liefern die Bauern aus der Umgebung hier die Milch an, die in riesigen Bottichen erhitzt und vor den Augen der Besucher weiterverarbeitet wird. Die fertig gepressten Käselaibe kommen in den Reifekeller, der laut Vorschrift „höhlenähnliches“ Klima haben muss. Nach frühestens fünf Monaten ist der Gruyère-Käse ausgereift, manche lagern ein ganzes Jahr. Von der Schaukäserei sind mehrere Wanderwege ausgeschildert, die traditionellen Älplerwege, auf denen seit jeher Milch und Käse von der Alp ins Tal gebracht wurden. Im Winter legt man die Strecke, die den Greyerzer Hausberg Moléson heraufführt, am bequemsten auf Schneeschuhen zurück, die man überall im Dorf leihen kann.

Auch sonst bietet der 2002 Meter hohe Moléson alles, was das Wintersportlerherz begehrt. Dreißig Kilometer Piste für alle Niveaus, erschlossen mit Stand- und Luftseilbahn, die bis auf den Gipfel führt. Auf Anfänger warten sanfte Hänge im Dorf Moléson-sur-Gruyères, selbst hier gibt es einen Miniskilift (Benutzung gratis). Nicht nur mit Skiern, auch mit Schlitten kann man am Moléson eine rasante Abfahrt wagen: vier Kilometer ist die Schlittenpiste lang, und sie führt quer durch Wälder und Natur bis ins Dorf. Familienfreundlich ist man hier, und dazu gehört auch, dass Jugendliche ihr Adrenalin loswerden können: im Snowpark, einem Paradies für Snowboarder. Und wenn man nach ein paar Stunden im Schnee die Kälte spürt, locken Hütten, wo vor der Tür dampfendes Käsefondue serviert wird. Moitié-moitié isst man hier, halb Gruyère, halb Vacherin fribourgeois. Traumhaft.

Und dann ist da noch der Alptraum. Wer nichtahnend vom Marktplatz die schmalen Gassen von Gruyères bis zum Burgtor entlangläuft, wähnt sich auf einmal in einer anderen, dunkleren Welt. Ein Monstrum aus Stahl, halb Mensch, halb Maschine, mit dolchähnlichen Stacheln bewehrt, hält vor dem Eingang zum Seitenflügel des Chateaus Wache. Darüber: ein Drache, der bereit scheint, mit seinen scharfen Klauen aus der Luft zuzuschlagen. Die Skulpturen sind eine Warnung. Hinter der Tür beginnt das dunkle Reich von HR Giger, dem Schweizer Surrealisten, der als Schöpfer des „Alien“ im gleichnamigen Film von Ridley Scott berühmt wurde. Käme Heidi hierher, sie würde schreiend wegrennen.

Reißzähne aus blitzendem Metall in einem langgezogenen, unirdischen Schädel aus erhärtetem Quecksilber – das extraterrestrische Raubtier, das gleich im ersten Fim der Serie eine ganze Raumschiffbesatzung dahinrafft, wirkt auch deshalb so grauenvoll, weil es eine Verschmelzung aus Lebewesen und Maschine ist. Auf ähnliche Weise hat der 1940 im bündnerischen Chur als Hans Rudolf Giger geborene Künstler die Burg und sein Museum verschmolzen. Das knarzende, Jahrhunderte alte Parkett ist bedeckt mit futuristischen Schaltplänen aus Latex. An Wänden aus massiven Granitblöcken hängen Bilder, auf denen Giger seine Alpträume festgehalten hat: endlose Schluchten einer menschenfeindlichen Welt, bizarre Wesen und Welten irgendwo zwischen Salvador Dalí und Hieronymus Bosch. Wie Photos aus einer anderen Wirklichkeit wirken die riesigen Gemälde, und allein durch ihre schiere Größe – viele bedecken ganze Wände – ziehen sie den Besucher geradezu in diese alternative Welt hinein. Als Giger 1996 erstmals mit seinen Museumsplänen an den Stadtrat von Gruyères herantrat, plante er noch eine Schlossbahn: eine futuristische Geisterbahn, die den Besucher auf verschlungenen Pfaden durch den Horror im Gemäuer führen sollte. Daraus wurde nichts, aus baulichen Gründen. Doch verschlungen sind die Pfade heute noch. Dunkle Treppenaufgänge, versteckte Gänge und labyrinthartige Sackgassen machen den Rundgang zum Abenteuer. Zwischen den Bildern stehen Skulpturen, lebensgroß und bedrohlich. Das Original-Alien ist natürlich auch zu sehen, ebenso wie der Oscar, den Giger 1980 für seine Kreation erhielt. Im Obergeschoss ist eine stählerne Art Schleuse zu einer anderen Welt montiert, daneben prangen auf der gekalkten Wand noch Intarsien aus dem Mittelalter. Wenn Aliens auf der Erde landen und ein Schloss übernehmen würden, so sähe es vermutlich aus.

Zum Absacker stolpert man vom Museum direkt in die Alien Bar auf der anderen Seite des Burgtors. Seinen Kaffee genießt man hier mitten in der Kulisse eines Alien-Filmsets: Stühle, deren Struktur ebenso an monströse Rippenbögen erinnert wie die grottenartige Decke und Tische, deren Beine aus Totenschädeln geschnitzt zu sein scheinen. Zum „Alien Coffee“ werden Meringues gereicht, und ein Glas Grande Gruyère, der örtliche Likör. Dann noch ein letztes Mal vor Grusel schütteln, und hinaus geht es wieder, zurück ins verschneite Winterwunderland. In den anderen Flügeln des Chateaus warten Gobelins, Ritterrüstungen und eine beeindruckende hölzerne Tafel, an der schon Artus mit seiner Runde gesessen haben könnte. Das Märchen ist noch nicht vorbei.