Hilfe für Fortgeschrittene

Der Bürgerkrieg in Syrien tobt seit mehr als sieben Jahren, ein Ende ist nicht absehbar. Für die humanitäre Hilfe vor allem in den Nachbarländern, wo fünfeinhalb Millionen Syrer Unterschlupf gefunden haben, bedeutet das: Sie muss längst mehr bieten als die Verteilung von Lebensmitteln und Zelten.

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Syrische Flüchtlinge wie Samar verpacken Schulbrote im Akkord.

Das Rascheln der Papiertüten ist so laut, dass die Frauen schreien müssen, um sich zu verständigen. Dabei sitzen sie eng gedrängt, ein gutes Dutzend mit Mundschutz, Plastikhandschuhen und Haarnetz über den Kopftüchern. Eine von ihnen ist Samar sie packt Schulbrote im Akkord: Tüte auf, eine Gurke, ein Apfel, ein Stück Pizza, Tüte zu, nächste Tüte.

„Mein Mann wird vermisst, ich bin die einzige, die für unsere Familie sorgen kann. Ich bin froh, dass ich diese Chance habe, und außerdem ist das Schulbrot auch für meine eigenen Kinder.“

In ihrer Heimatstadt Daraa hat Samar einen Buchladen betrieben, gegenüber der Mädchenschule. Vor sechs Jahren mussten sie fliehen, seitdem lebt Samar im jordanischen Flüchtlingslager Zaatari in der Wüste im Norden des Landes, nicht weit von der syrischen Grenze. Zu ihrem Schutz darf im Radio nur Samars Vorname genannt werden, das Gleiche gilt für die anderen Flüchtlinge. Abu Gassim war in Syrien Bauer, jetzt ist er Bäcker.

„Ich stehe jeden Morgen um fünf Uhr auf, bis elf muss die Pizza fertig sein. Nachmittags spiele ich mit meinem Sohn ein bisschen Fußball, ansonsten gibt es hier nicht viel zu tun.“

2.000 Schulmahlzeiten am Tag werden alleine in dieser Bäckerei gepackt, drei weitere solcher Einrichtungen betreibt die Hilfsorganisation Worldvision in Zaatari. Die Arbeit hier ist eine der wenigen, die den Flüchtlingen offen steht, sagt Abu Gassim.

„In Syrien hatten wir ein normales Leben, hier sind wir in einem umzäunten Lager. Wenn wir raus wollen, müssen wir eine Genehmigung beantragen. In Syrien war es besser, aber derzeit können wir nicht zurück.“


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Sie wollen lieber hören als lesen, wie es um die syrischen Flüchtlinge im Libanon und in Jordanien steht? Das können Sie hier:  

Gesendet am 23.4.2018 im Deutschlandfunk, den Originalbeitrag finden Sie hier.


Schulessen als Höhepunkt des Tages

Auch Abu Gassim lebt schon seit Jahren in Zaatari, so wie die meisten der knapp 80.000 Flüchtlinge. Sie leben in containerartigen Fertighäusern, in denen es tagsüber heiß und nachts bitterkalt sein kann. Künstler haben sie bemalt, um den Anblick erträglicher zu machen. Denn außer Staub und Sand gibt es in Zaatari nicht viel zu sehen.

Für viele Kinder ist die Lieferung des Schulessens der Höhepunkt des Tages – und oft die erste Mahlzeit, manchmal die Einzige. Der Jubel ist entsprechend groß. An seine Heimat in Syrien kann sich der elfjährige Hussein kaum noch erinnern. Den größten Teil seines Lebens hat er in Zaatari verbracht.

„Zuhause, in Syrien, war es viel schöner. Aber dann wurden alle umgebracht und wir flohen. Mein Vater hat den ganzen Weg über geweint, weil mein Onkel gestorben ist.“

An mehr erinnert er sich nicht mehr, oder will es nicht. Die meisten Kinder hier sind traumatisiert, vom Krieg, von der Flucht und vom Lagerleben. Hussein träumt lieber, von einer Zukunft in Freiheit, über den Wolken.

Ein bisschen wie das tägliche Brot für die Flüchtlinge

Wenn ich groß bin, sagt er, möchte ich Pilot werden und Syrien vor den Bomben beschützen. Bisher hat das noch niemand geschafft. Der Bürgerkrieg in Syrien tobt im achten Jahr, hat mehr als eine halbe Million Menschenleben gefordert. Fünfeinhalb Millionen Syrer fristen derzeit ihr Dasein in Syriens Nachbarländern Jordanien, der Türkei, dem Irak, Ägypten und dem Libanon – auf unbestimmte Zeit. Sie alle sind auf internationale Hilfe angewiesen, wie auch die mehr als 13 Millionen Syrer, die im eigenen Land vertrieben wurden. Die Vereinten Nationen und 270 Hilfsorganisationen brauchen dafür allein in diesem Jahr 7,3 Milliarden Euro. Dominik Heinrich, der Landesdirektor des Welternährungsprogramms im Libanon, hofft, dass das Geld frühzeitig zusammenkommt.

„Das Welternährungsprogramm ist ein bisschen wie das tägliche Brot für diese Flüchtlinge. Und was ich mir wünschen würde, ist die Zusicherung des täglichen Brots, solange die politische Krise in Syrien nicht gelöst ist und dass man das anerkennt und dass man hier eine Zusicherung gegenüber Kernprogrammen hat für Zeithorizonte, die nicht weniger als ein Jahr sind.“

Von einem Planungshorizont von einem Jahr ist Heinrich derzeit weit entfernt. Wenn er einen Monat vorher Bescheid weiß, ob er allen Flüchtlingen helfen kann oder nicht, ist das schon gut.  Als zuletzt 2015 Flüchtlingen im großen Maßstab Hilfen entzogen wurde, flohen Hunderttausende über das Mittelmeer nach Europa. Diesmal könnten massive Hilfskürzungen die ganze Region erschüttern, befürchtet Heinrich.

„Das, was in einem kleinen Land passiert, ist oft ein Beispiel von Situationen, die dann auf größerer Skala in anderen Ländern passieren. Stabilität im Libanon kann Stabilität für die Region hervorrufen. Instabilität im Libanon wäre ein weiteres Land, das die internationale Gemeinschaft nicht geschafft hat, friedlich zu halten.“

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Abeer, Hammoud und zwei ihrer Kinder im kleinen Wohnzimmer ihres Zelts im Bekaa-Tal, Libanon.

Der Libanon ist halb so groß wie Hessen. Vier Millionen Libanesen leben mit offiziell einer Million syrischer Flüchtlinge zusammen, vermutlich sind es deutlich mehr. Nur ein Bruchteil von ihnen darf hoffen, über sogenannte Resettlement-Programme etwa in die EU umgesiedelt zu werden. Der Druck ist enorm. Syrische Flüchtlinge im Libanon leben, anders als in Jordanien, nicht in Lagern, sondern in Unterkünften, die sie sich selber suchen müssen, über das ganze Land verstreut. Hammoud und Abeer sind vor sechs Jahren mit ihren fünf Kindern aus Homs ins Bekaa-Tal im Osten Libanons geflohen.

„Erst haben wir bei Verwandten gewohnt, wir waren mehr als 20 in einem Raum. Mit den Kindern ging das einfach nicht, also sind wir hierher gezogen, in ein Zelt. Ich habe Monate lang nachts wachgelegen, wegen der Insekten und Skorpione, die hier herumkriechen.“

Gemeinsam lebt die Familie auf vielleicht 30 Quadratmetern. Alle schlafen in einem Raum, den nur eine dünne Wand von der Küche trennt. Was sie einst besaß, hat die Familie verkauft. Von dem Erlös hat Abeers Mann Hammoud einen Betonboden gelegt und ein Schutzmäuerchen aus Steinen. Seitdem schläft seine Frau nachts wieder.

„In Homs hatten wir ein gutes Leben. Ich habe in der Baubranche gearbeitet, wir hatten ein Eigenheim und praktisch keine Sorgen. Aber meine Kinder können sich daran nicht mehr erinnern.“

Für Miete und Strom in ihrer winzigen Unterkunft zahlt die Familie mehr als 100 Euro im Monat. Leisten können sie sich das nur dank der Hilfe, die das Welternährunsprogramm ihnen zahlt. 132 Euro werden jeden Monat auf eine spezielle Bankkarte gebucht. Davon kauft Hammoud ein oder lässt sich Bargeld auszahlen, um die Miete zu decken.

„Dann zahle ich diejenigen aus, die uns im Lauf des Monats haben anschreiben lassen. Wer am lautesten brüllt, bekommt sein Geld zuerst. Vom Rest kaufen wir das Allernötigste, und dann müssen wir wieder anschreiben lassen. Anders geht es nicht.“

Ein Stückchen mehr Normalität dank moderner Technik

Die Möglichkeit, Hilfen in Bargeld umzuwandeln, ist neu. Früher durften mit der Bankkarte nur Lebensmittel gekauft werden. Jetzt können Flüchtlinge selbst entscheiden, was für sie am wichtigsten ist. Für Hammoud bedeutet das ein Stückchen mehr Normalität. Das ist ihm wichtig, denn an Rückkehr ist nicht zu denken. Auf die Frage hin bricht der starke Mann in Tränen aus und seine Frau muss für ihn antworten.

„Wo sollten wir hin? Homs ist zerstört, alles, was wir dort hatten, kaputt. Es gibt kein Homs mehr.“

So wie Hammoud und Abeer denken viele Syrer. Eine Heimkehr können sie sich so bald nicht vorstellen. Auch deshalb hat sich die humanitäre Hilfe im Libanon drastisch gewandelt.

In einem Fußballstadion in Libanons Hauptstadt Beirut warten Dutzende Flüchtlinge. Jeder von ihnen erhält vom Welternährungsprogramm eine Bankkarte, die in 500 Geschäften akzeptiert wird. Assaf ist 22 Jahre alt und kommt aus Raqqa.

„Ich benutze die Karte seit acht Monaten und kann damit ganz einfach im Supermarkt einkaufen. Es ist wahnsinnig einfach, so wie im normalen Leben in Syrien.“

Assaf ist heute ins Fußballstadion gekommen, um sich auszuweisen. Nur wer das tut, bekommt auch in Zukunft Geld vom Welternährungsprogramm. Als er aufgerufen wird, setzt er sich vor ein kleines Gerät.

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So wertvoll wie Bargeld: Die Geldkarte, mit der alleine im Libanon mehr als 700.000 Syrer und gut 50.000 bedürftige Libanesen Nahrungsmittel kaufen oder – in manchen Fällen – auch Geld abheben können.

Ein Foto für die Gesichtserkennung – das war’s. Assafs Karte bleibt aktiviert. Der junge Mann kann gehen. Die regelmäßigen Kontrollen sollen Missbrauch verhindern, etwa den Handel mit Karten. Zusätzlich überprüfen Computerprogramme, ob Gelder nicht zweckentfremdet werden. Nach dem Motto: So viel Freiheit wie möglich, so viel Kontrolle wie nötig.

Vor sieben Jahren war das noch anders. Als bei Kriegsausbruch in kurzer Zeit Hunderttausende Syrer in den Libanon strömten, verteilte das Welternährungsprogramm erst Hilfsgüter, dann Gutscheine. Doch die Pakete füllten schnell ganze Räume, erinnert sich Cyril Noujeim vom Welternährungsprogramm.

„Ich war dabei, als wir die Gutscheine verteilt haben. Jeden Monat mussten dafür alle Hilfsbedürftigen persönlich erscheinen. Ein riesiger Aufwand. Dann haben sie die Gutscheine verbraucht, und wir mussten sie wieder einsammeln. Jetzt haben alle die Karten, und die werden automatisch aufgeladen. Die Leute kommen ab und zu zur Kontrolle, aber das ist etwas ganz anderes als wenn alle jeden Monat kommen.“

„Wir müssen absolut sicher sein, dass das Geld beim richtigen Empfänger landet“

Allerdings sind die Karten so wertvoll wie Bargeld. Die Ausgabe muss deshalb den gleichen Standards genügen wie denen einer Bank.

„Wir überprüfen die Flüchtlingsbescheinigung und nutzen eine Gesichterkennungs-Software, erst danach fließt Geld. Wir müssen absolut sicher sein, dass das Geld beim richtigen Empfänger landet. Deshalb führen wir auch die regelmäßigen Kontrollen durch.“

Nicht nur syrische Flüchtlinge bekommen die Geldkarten, sondern auch Libanesen. Gut 50.000 von ihnen werden monatlich von der Weltbank und dem Welternährungsprogrammm unterstützt. Damit sollen die Folgen der Flüchtlingswelle für den Libanon gemildert werden, erklärt Robin Sadhwani vom libanesischen Sozialministerium.

„Seit Beginn der Syrienkrise vor sieben Jahren sind mehr als eine Million Flüchtlinge in den Libanon gekiommen, die mit Libanesen um Jobs konkurrieren. Die Syrer arbeiten für weniger Geld, und die Arbeitgeber zahlen für sie keine Sozial- oder Krankenversicherung. Deshalb haben es Libanesen schwerer auf dem Arbeitsmarkt, gerade arme Libanesen werden immer ärmer.“

Im schiitischen Süden von Beirut, der von der Hisbollah kontrolliert wird, befinden sich die ärmsten Viertel von Libanons Hauptstadt. Hier lebt Houman, im Erdgeschoss eines Hauses an der Flughafenstraße.

Früher arbeitete der kräftige Familienvater auf dem Bau, doch seit ein paar Jahren findet er keine Arbeit mehr. Stattdessen sitzt er auf einem zerschlissenen Sofa unter zwei Käfigen mit aufgeregten Kanarienvögeln. Vor ihm: Ein halbvoller Becher mit kaltem Kaffee und eine Packung billiger libanesischer Zigaretten, aus der er sich immer wieder bedient.

„Für diese zwei kleinen Räume zahle ich jeden Monat 300 Dollar. Ich schlafe mit zwei Kindern im Wohnzimmer, die anderen zwei schlafen mit meiner Frau nebenan in der Küche. Die Miete ist viel zu hoch, aber ich will nicht auf der Straße leben. Wer nicht zahlt, muss raus: Es gibt genügend syrische Flüchtlinge, die sofort einziehen würden. Die haben mehr Geld, vielleicht von anderen Unterstützern, ich weiß es nicht. Für uns Libanesen jedenfalls ist alles zu teuer geworden.“

Damit die sechsköpfige Familie sich die Wohnung leisten kann, müssen alle ran. Die Kinder verkaufen am Straßenrand Benzin und Diesel, anstatt zur Schule zu gehen. Houman fährt Taxi.

„Das Auto gehört mir nicht, ich muss dem Besitzer täglich Geld dafür zahlen. Wenn ich Glück habe, sind am Ende eines langen Arbeitstags vielleicht zehn Euro übrig. Das reicht für die Miete, Essen können wir uns nur dank der Geldkarte leisten.“

Der Ton wird rau

In seiner Straße ist Houman nicht der Einzige, dem es schlecht geht. Doch nur wenige haben das Glück, vom Sozialministerium als besonders hilfsbedürftig anerkannt zu werden, gibt auch der Sozialarbeiter Robin Sadhwani zu: Und auch sonst seien die Möglichkeiten der Regierung beschränkt.

„Die Häuser sind Privateigentum, die Miete bestimmen die Eigentümer. Aber unser Land ist klein, und eine Million Flüchtlinge, die Häuser brauchen, üben Druck auf den Markt aus, und die Mieten steigen.“

Wie angespannt die Lage ist, zeigt ein Bericht der Menschenrechtorganisation Human Rights Watch. Ihm zufolge sind seit Jahresbeginn mehr als 3.600 Syrer aus ihren Häusern im Libanon geworfen worden. Der Ton wird rau: Flüchtlinge berichten von Sprüchen wie „Geht zurück nach Syrien“ oder „Unsere Häuser sind nicht für Fremde“. Das Thema beeinflusst auch den Wahlkampf. In wenigen Wochen wird im Libanon ein neues Parlament gewählt. Nicht alle sehen die Lage so wie Robin Sadhwani, der davor warnt, die Flüchtlinge für alles vernatwortlich zu machen.

„Wir im Libanon haben unsere Probleme nicht wegen der Syrienkrise, aber sie wurden dadurch verstärkt. Die Flüchtlingskrise hilft den Armen nicht, sie verschlimmert die Lage.“

Ein Balanceakt für Hilfsorganisationen

Für Hilfsorganisationen wie das Welternährungsprogramm stellt die Situation einen Balanceakt dar. Sie dürfen die Aufnahmebereitschaft im Libanon nicht überstrapazieren. Zugleich müssen sie den Flüchtlingen nach sieben Jahren in der Fremde und einer ungewissen Zukunft den Einstieg in ein normales Leben ermöglichen. Nur wenn beides zugleich gelingt, bleibt die Lage stabil.

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Einen Beitrag dazu soll ein neues Programm bieten. In einem klimatisierten Seminarraum an Beiruts American University bietet Wassim Al-Hadsch Seminare an, die unter der Überschrift „Tech for Food“ – Technik für den Broterwerb – stehen.

„Die Hauptzielgruppe dieses Programms sind syrische Flüchtlinge und arme Libanesen. Sie sollen lernen, mit dem Computer Geld zu verdienen, damit sie nicht auf Dauer von ausländischer Hilfe und Almosen abhängig sind.“

Die American University in Beiruts Altstadt mit Blick auf die Corniche wird oft als Harvard des Nahen Ostens bezeichnet. Doch in seinen neuen Klassen unterrichtet Informatikprofessor Al-Hadsch die absoluten Basics: Nach einem Englischkurs arbeiten die meisten Flüchtlinge zum ersten Mal mit Computern. So ging es auch dem 28-jährigen Dschuma.

„In Aleppo habe ich Geografie studiert, aber im Libanon fehlte mir das Geld, um mein Studium fortzusetzen. Deshalb habe ich gearbeitet, auf einer Anlage für Sportschützen. Dann habe ich es geschafft, in das Programm aufgenommen zu werden. Ich konnte kein Englisch und hatte nie mit Computern oder dem Internet gearbeitet.“

Inzwischen hat Dschuma seine Kurse abgeschlossen und arbeitet im Lager einer Firma, wo er Warenbestände kontrolliert und Daten in einen Computer eingibt. 500 Dollar verdient er damit, fast doppelt so viel wie Houman, der libanesische Taxifahrer. Für Wassim Al-Hadsch sind solche Erfolge aber nur eine Zwischenstation, denn er will die Konkurrenz auf dem libanesischen Arbeitsmarkt nicht noch anfachen. Stattdessen versucht er, den Absolventen neue Jobs im Internet zu vermitteln.

„Nehmen wir das Beispiel eines internationalen Modekonzerns: Der hat Tausende Produkte, die er online verkaufen will. Aber damit diese Produkte bei Onlinesuchen gefunden werden können, müssen sie mit Schlagworten versehen werden. Das ist ein T-Shirt, die Farbe ist blau und so weiter.“

Lernen für eine bessere Zukunft

Arbeit wie diese wird längst online weltweit vermittelt und pro Schlagwort entlohnt. Das Gelernte zahlt sich somit schnell aus. Ähnliches gilt für die Einrichtung von Facebook-Stores oder einfachen Webseiten, was Al-Hadsch ebenfalls unterrichtet.

„Wenn die Flüchtlinge eines Tages zurückkehren, dann können sie nicht nur das erlernte, sondern auch ihre Jobs mitnehmen. Ich glaube, die Chancen dort werden sogar noch besser sein.“

Doch Dschuma zumindest hat nicht vor, nach Syrien zurückzukehren. Seine Frau, auch Syrerin, hat vor einem halben Jahr das erste Kind zur Welt gebracht. Sie wollen bleiben.

„Ich denke nicht, dass wir nach Syrien zurückkönnen. Wir sind Kurden, und unser Volk hat dort viele Probleme. Außerdem wäre dort das beste, das ich erreichen könnte, wohl ein Job als Lehrer. Hier im Libanon kann ich mit meiner Ausbildung jetzt andere Dinge machen und mehr Geld verdienen.“

Einfache Lösungen gibt es nicht in der Flüchtlingshilfe in Syriens Nachbarländern. Deshalb ist die Krise längst auch zu einer Art Versuchslabor geworden: Unterschiedlichste Praxis-Ansätze werden getestet mit dem Ziel, den Flüchtlingen zu helfen und die äußerst fragile Stabilität im Nahen Osten zu wahren. Das aber kann nur gelingen, wenn Geberstaaten Geld dafür bereitstellen. Bisher ist für dieses Jahr nicht einmal ein Drittel der nötigen Summe zusammengekommen.

Für diesen Beitrag bin ich im März 2018 mit Unterstützung des Welternährungsprogramm (WFP) und des Evangelischen Pressedienstes (epd) durch den Libanon und Jordanien gereist.